Libidoverlust durch Pille – Interview mit Dr. Wallwiener

Dr. Lisa-Maria WallwienerGibt es den Libidoverlust durch die Pille? Experteninterview mit Dr. med. Lisa-Maria Wallwiener, die in ihrer Doktorarbeit über 1000 Medizinstudentinnen zu diesem Thema befragte.

Dr. med. Lisa-Maria Wallwiener hat sich in ihrer Doktorarbeit mit dem Einfluss von Verhütungsmitteln auf die Libido, Erregbarkeit, Schmerzen und anderen Faktoren beim Geschlechtsverkehr beschäftigt. Hierzu befragte sie über 1000 Medizinstudentinnen mit einem umfangreichen Fragebogen. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Doktorarbeit nimmt der mögliche Libidoverlust durch die Pille ein, da knapp 80 Prozent der befragten Studentinnen die Pille als Verhütungsmittel nahmen. In unserem Interview sprechen wir mit ihr über ihre Doktorarbeit und den möglichen Libidoverlust durch die Pille.

Was war deine Motivation für eine Doktorarbeit mit dem Schwerpunkt Libidoverlust durch die Pille?

Bei einem Gespräch mit einem Gynäkologen erwähnte dieser, dass er häufig von Patientinnen angesprochen werde, ob ein durch diese beobachteter Libidoverlust von der Einnahme der Pille kommen könnte. Im Laufe des Gespräches entwickelte sich dann die Idee, diese reine Beobachtung doch auch einmal wissenschaftlich strukturiert anzugehen.

In deiner Studie hast du etwa 1200 Medizinerinnen befragt – wie hast du eine so hohe Anzahl von Studentinnen überzeugen können, an der Studie teilzunehmen?

Unsere Arbeitsgruppe hat mit dem System eines “Online- Questionnaires” gearbeitet, d.h. wir haben direkt über die Universitäten die Studentinnen angemailt und mit einem Link dazu eingeladen, an unserer Studie teilzunehmen. Ich denke neben dieser schnellen und unkomplizierten Teilnahme war ein weiterer Anreiz, dass die Teilnehmerin nach dem Ausfüllen des Fragebogens direkt eine Übersicht in Form eines Tortendiagrammes erhalten hat, wo sie mit ihren Erfahrungen und Empfindungen im Vergleich zu den anderen Teilnehmerinnen steht. Und wen interessiert dies – gerade bei sehr intimen Fragen wie Orgasmushäufigkeit oder Frequenz des Geschlechtsverkehrs – nicht?

Etwa 200 Fragebögen waren unbrauchbar. Nach welchen Kriterien hast du die Fragebögen in brauchbar und unbrauchbar sortiert?

Wir haben relativ schnell bemerkt, dass es natürlich auch männliche (neugierige) Teilnehmer gab oder weibliche Teilnehmerinnen, welche sich einfach nur schnell durch den Fragebogen geklickt haben, um am Ende die Übersicht zu den Erfahrungen der anderen Studentinnen aus Neugierde zu erhalten. Diese Fragebögen waren in sich nicht schlüssig – so z. B. zuerst die Angabe „keine sexuellen Handlungen während der letzten 4 Wochen” und dann die Angabe „2- bis 3-mal pro Woche Geschlechtsverkehr”.

Fragen rund um die Sexualität sind sehr intim. Wie hast du sichergestellt, dass die Daten vertraulich bleiben?

Dr. med. L. Wallwiener: Ja das stimmt! Wir haben uns hierfür extra an einen Programmierer gewandt, der uns einen hoch komplizierten „doppelblinden Schlüssel” hergestellt hat, mit dem wir die Fragebögen ausgewertet haben. Außerdem wurde generell ohne Angabe persönlicher Informationen teilgenommen. Die Teilnehmerin erhielt einen Code, um zu einem späteren Zeitpunkt das Ausfüllen des Fragebogens wieder aufnehmen zu können oder ihre Übersicht aufrufen zu können.

Wie viele Fragen umfasste der Fragebogen und was wurde dabei erfragt?

Der Fragebogen basiert auf dem FSFI (Abk. Female Sexual Function Index) – einem validierten Messinstrument zur Erfassung verschiedener Dimensionen der weiblichen Sexualität. Dieser besteht aus 19 Fragen. Hinzu kamen noch weitere Fragen zur Kontrazeptionsmethode, Alter, Beziehungsstatus, etc., sodass es insgesamt 36 Fragen geworden sind.

Nun ist der Libidoverlust generell ein schwieriges Thema, da er unter anderem von der Partnerschaft, Stress und anderen Faktoren beeinflusst wird. Wie ist es dennoch möglich, einen Einfluss der Pille in Zusammenhang mit der Libido zu untersuchen?

Da sprichst du genau den schwierigsten Punkt bei der Erfassung der Sexualität im Allgemeinen an: Ab wann spreche ich von einer stabilen Beziehung und was genau sind die Kriterien hierfür? Genau so schwierig: Welche Faktoren bestimmen meine Sexualität und welchen Einfluss haben diese Faktoren bei unterschiedlichen Personen oder sogar bei mir selbst ein paar Wochen später? All diese potenziellen Störfaktoren wird man nie komplett ausschalten können bei einer wissenschaftlichen Herangehensweise an dieses Thema. Aber mit einer möglichst klar strukturierten Auffassung zum Thema kann man gut versuchen Vergleiche innerhalb homogener Gruppen zu ziehen – natürlich auch zum Thema Kontrazeptionsmethode und Libido.

Du schätzt in deiner Arbeit das Risiko einer sexuellen Dysfunktion ab. Kannst du kurz erläutern, was eine sexuelle Dysfunktion ist und wie man das Risiko dafür abschätzt?

Ich finde das ist eine gute Frage, denn es ist sehr wichtig diesen Begriff zu klären. Eine „sexuelle Dysfunktion” liegt nämlich dann vor, wenn die Patientin dies so empfindet, d. h., wenn sie unter Leidensdruck steht und das Ausleben ihrer Sexualität als nicht erfüllt sieht. Auf keinen Fall ist hier die Anforderung einer Gesellschaft an das Individuum im Sinne von einer Erfüllung eines standardisierten „Normalverhaltens” gemeint. Die Abschätzung des Risikos, eine sexuelle Dysfunktion zu entwickeln oder bereits zu haben, besteht daher einzig und allein auf den Aussagen zur Zufriedenheit der befragten Person.

Was ist bei deinen Studien herausgekommen? Und welchen Einfluss haben hormonelle Verhütungsmittel – wie die Pille – auf die Libido, Erregbarkeit, Orgasmusfähigkeit u. a.?

Hier könnte ich weit ausholen. Allgemein haben wir, wie ich finde, erschreckende Zahlen erhoben: 31% der Teilnehmerinnen hatten ein hohes Risiko für eine sexuelle Dysfunktion. In den verschiedenen Untergruppen reichten die Prävalenzen von 1-9%. Wohl bemerkt: Es handelt sich hier um ein Kollektiv von gesunden Studentinnen! Der FSFI arbeitet ja mit Hilfe eines Score Systems – und hier hat sich eben abgezeichnet, dass bei Frauen, die mit der Pille verhüteten, dieser Score deutlich niedriger war als bei Frauen, die beispielsweise mit der NFP verhüteten – also hormonelle Verhütung versus hormonfreie Verhütung. Und am stärksten zeigte sich diese Diskrepanz beim Thema „Erregung”.

Sind weitere Studien geplant? Und wenn ja – welche Dinge möchtest du in diesem Zusammenhang künftig untersuchen?

Derzeit sind wir gerade dabei noch mehr Studentinnen an weiteren Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz für die Teilnahme an der Studie zu gewinnen. Hierzu haben wir unseren Fragebogen noch etwas optimiert und um einige Fragen erweitert – beispielsweise Gewicht, Größe und die Frage nach vorhandenen Grunderkrankungen. Toll wäre es natürlich, wenn die Teilnehmerinnenzahl sich nochmals deutlich steigern lässt. Eine größere Fallzahl bedeutet ja auch eine deutlich größere Aussagekraft.

Mal angenommen, ich bin Medizinstudentin und möchte an eurer Studie teilnehmen – was muss ich dann konkret tun? Und wo muss ich mich anmelden?

Unsere Arbeitsgruppe freut sich natürlich sehr über jede Teilnehmerin. Über diesen Link wird die Teilnehmerin auf die Studienseite geleitet. Dort einfach auf den „Teilnehmen” Button drücken, Universität auswählen und starten. Vielen Dank!

In der aktuellen Studie „Sexual behavior of oral contraception” wurde von italienischen Wissenschaftlern der Libidoverlust durch die Pille Yasmin untersucht. Hierbei konnte bei nahezu allen Teilnehmerinnen eine Verschlechterung des Sexuallebens bezüglich Erregbarkeit, Orgasmusfähigkeit usw. festgestellt werden. Was hältst du von dieser Studie und wie siehst du die Begründung für den Libidoverlust durch die Pille durch Verkleinerung der erregbaren Körperteile wie Scheideneingang und Klitoris?

Der Ansatzpunkt, den die Italiener gewählt haben, ist sehr interessant. Ein großes Manko ist allerdings, dass hier nur 22 Frauen untersucht wurden – dass ist natürlich nur mit einer sehr geringen Aussagekraft der Beobachtungen verknüpft. Interessant wird es erst, wenn die Fallzahl steigt.

In einer anderen Studie von dem Magazin new scientist, soll die Verschlechterung der Libido durch die Pille sogar dauerhaft bestehen können? Was hältst du von dieser Studie und wie realistisch hältst du die Aussage, dass die Libido der Frau durch die Pille dauerhaft geschädigt sein könnte?

Diese Studie kenne ich – sie wurde bereits 2005 veröffentlicht. Die Wissenschaftler, die hier dahinter stehen, sind führend auf dem Gebiet der Sexualforschung. Bei dieser Studie tue ich mich persönlich etwas schwer mit der Tatsache, dass die 125 untersuchten Frauen während der Befragung gerade wegen einer bereits bestehenden sexuellen Problematik in der Klinik waren. Somit ist das Kollektiv hier schon deutlich vorselektiert. Ob man hieraus Rückschlüsse für die Allgemeinbevölkerung ziehen kann?

Viele NFP Anwenderinnen beschreiben im Internet z. B. auf myNFP.de, dass sie seit dem Absetzen der Pille eine verbesserte Libido haben. Glaubst du, es ist möglich, dass Frauen den Libidoverlust durch die Pille vor dem Absetzen der Pille gar nicht bemerken? Schließlich nehmen viele die Pille schon seit der Pubertät, in der sich die Libido der Frau erst entwickelt.

Genau das ist ein großes Problem: Die Pille als „Vorbereitung” für die ersten sexuellen Erfahrungen- und diese finden dann nur unter dem Einfluss von Hormonpräparaten statt. Wie also vergleichen? Derzeit arbeite ich in der Reproduktionsmedizin. Da höre ich es immer wieder, dass die Pille vom 15. bis zum 35. Lebensjahr durchgehend eingenommen wurde und erst beim Thema Kinderwunsch überhaupt Geschlechtsverkehr ohne externe Hormonzufuhr stattgefunden hat. Dies ist Alltag in Deutschland. Klar kann daher das von dir beschriebene Problem bestehen.

Frauenärzte raten bei Nebenwirkungen durch die Pille oft zu einem Pillenwechsel? Wie stehst du zu diesem Thema? Sollte man diesen Frauen nicht eher auch Alternativen wie die symptothermale Methode aufzeigen, bevor man erneut zu hormonellen Kontrazeptiva greift?

Prinzipiell wäre das natürlich wünschenswert. Aber natürlich gibt es (Risiko-) Kollektive, welche sich nicht für Sensiplan eignen: Sehr junge Patientinnen oder Patientinnen die kein großes Interesse haben sich regelmäßig mit den Vorgängen in ihrem Körper zu beschäftigen. Lieber empfiehlt man hier den Wechsel des Präparates, da man ja auch die Wünsche der Patientin beachten muss. Und die tägliche Einnahme einer Tablette, die bewirkt, dass ich nicht schwanger werde, ist für viele immer noch die komfortabelste Methode.

Welche Verhütungsmethode nutzt du aktuell und wurde die Wahl durch deine Studien beeinflusst?

Ich erwarte gerade mein drittes Kind, daher ist das Thema im Moment nicht so interessant. Zwischen den Kindern habe ich nicht hormonell verhütet und ich denke dies werde ich auch wieder tun. Sicherlich werde ich keine hormonelle Verhütung starten – dies hat aber nicht nur mit der möglichen Beeinflussung der Libido zutun, sondern mir widerstrebt es einfach täglich Hormone einzunehmen.

Ich komme zum Ende dieses Interviews. Welchen Rat kannst du als Medizinerin den Frauen bei der Wahl der Verhütungsmethode mit auf den Weg geben?

Ich verteufle keine Methode und ich bin kein radikaler Anhänger einer bestimmten Methode. Ich bin mir sicher, dieses Thema muss individuell im Gespräch mit der Patientin beraten werden. Allerdings ist es mir wichtig, alle Möglichkeiten zu besprechen und auch bei den möglichen Nebenwirkungen genau aufzuklären. Ich kann daher nur raten, sich bei der Wahl der richtigen Verhütungsmethode an eine kompetente Gynäkologin/ einen kompetenten Gynäkologen zu wenden und ggf. noch einmal genauer nachzufragen. Und wenn die Wahl auf die hormonelle Verhütung fällt, dann bitte ganz bewusst auch klarmachen, dass dies eine regelmäßige Medikamenteneinnahme darstellt – und Medikamente haben eben auch Nebenwirkungen!

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